Seine–Tal
Von Gisors nach Rouen durch das Tal der Seine in der Normandie:
„Le Havre, Rouen und Paris sind eine einzige Stadt, deren Straße die Seine ist,“ soll Napoleon seinerzeit gesagt haben.
Bild: Im Tal der Seine
Das haben auch schon Händler, Herrscher und Eroberer vor ihm erkannt, die den Fluss, der zumindest heute von seinen776 km Gesamtlänge auf 541 km schiffbar ist, als Handelsstraße oder Einfallsweg genutzt hatten lange bevor die Römer die ersten brauchbaren Straßen bauten.
Über die Seine drangen auch die Wikinger vom Meer aus ins heutige Frankreich vor und kamen fast bis nach Paris. Somit kann man den Fluss mit Fug und Recht als Wiege der Normandie bezeichnen.
Gefahr vom Meer aus drohte im Seine – Tal jedoch nicht nur durch Eroberer, sondern auch durch Naturgewalten. Gefürchtet waren zum Beispiel, vor allem während der Tag- und Nachtgleiche, die gewaltigen Springfluten, die bis hinauf nach Caudebec ein beeindruckendes Naturschauspiel, aber auch Gefahr bedeuteten.
Le mascaret, die Springflut, entstand durch die in den Seine-Ästuar eindringende Flut, die gegen die meerwärts strömenden Wassermassen der Seine ankämpfte. Durch die Korrektur des Flussufers und den Bau neuer Schiffahrtskanäle im Tal der Seine seit Ende des 19. Jh. wurden diese Springfluten jedoch im Zaum gehalten.
Der lateinische Name der Seine, Sequana, soll sich aus dem keltischen squan, sich schlängeln, ableiten. Was einleuchtet, denn betrachtet man den Flussverlauf aus der Vogelperspektive oder auf der Karte, sieht man, wie die Seine im gleichnamigen Tal in großen Schleifen Richtung Meer mäandert.
Folgt man diesem Schlangenlauf der Sein, wird die strategische, industrielle und kulturelle Bedeutung der Seine seit Beginn der Geschichtsschreibung deutlich: Vom römischen Amphitheater in Lillebonne über Klöster aus der Merowingerzeit und Burgen der Normannenherzöge bis hin zu den modernen Industrieanlagen ist eine Reise entlang der Seine wie eine Reise durch die Geschichte der Normandie.
Während die Burgen hoch auf den Hügeln der Flussbiegungen einen Überblick über das Seinetal bieten, verstecken sich die alten Klosterruinen in den waldreichen Schleifen, die fast wie Halbinseln wirken. Die Monumente des modernen Industriezeitalters sind weniger romantisch, wenngleich ökonomisch bedeutsam.
So liegen u. a. allein vier Erdölraffinerien am Seinelauf, die die gesamte Palette der Petrochemie produzieren. Etwa 80 % der Arbeitsplätze und 75 % der Bevölkerung der Haute Normandie konzentrieren sich im Einzugsgebiet der Seine. Zudem geht über die Fernstraßen und Autobahnen ein Teil jener Nord-Süd-Atlantikachse durch das Seinegebiet, die von Stockholm bis Gibraltar fuhrt. Womit der Bogen zu den Wikingern, und mithin Normannen, wieder geschlagen ist.
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