Normannen - Eroberer und Staatengründer
Normannen - Eroberer und Staatengründer

Normannen - Staatengründer

Normannen - Eroberer und Staatengründer

Wortkarg seien sie, heißt es über die Normannen. Kein ständiges >Palavern<, wie man es gemeinhin den Franzosen nachsagt.

Erzählen auch nichts aus ihrem Privatleben, klatschen nicht, schweigen und handeln lieber, das dann aber effizient.

Fragen werden knapp beantwortet. Bitten prompt erledigt. Es scheint manchmal etwas rüde, ist aber gar nicht so gemeint.

Die Normannen lächeln trotz der Wortkargheit viel, gehen überaus höflich, meist sogar herzlich, aber immer direkt auf den Besucher ein (außer vielleicht im Juli und August und an der Küste) un können in einem unerwarteten Moment ganz gelassen zum Schwatz aufgelegt sein und den Gast mit Fragen löchern – während sie dabei etwas anderes tun, wie den unvermeindlichen Schoßhund streicheln, das Geschirr spülen, mit einer Serviette über den Restauranttisch wedeln oder irgendwelche Papiere ordnen.

Normannen bieten durchaus Einblick ins Privatleben, nur eben nicht auf Anfrage. Der Humor allerdings ist manchmal sehr subversiv und nicht immer klar als sicher zu erkennen. Wie sonst könnte der Besitzer eines Restaurants neben einem Atomkraftwerk sein Lokal >Au Becquerel< nennen?

Einen normannischen Nationalcharakter zu konstatieren ist angesichts moderner Völkerwanderungen, innerhalb Frankreichs ebenso wie in Europa, nicht ganz einfach. Doch alte Traditionen sterben langsam, färben auf Neuankömmlinge möglicherweise sogar ab. Es ist der Geist des Ortes, das Erbe einer langen Geschichte, die sich beide bis in moderne Zeiten kaum verleugnen lassen.

Die Normannen waren stets Eroberer. So weit, so gut. Die Geschichte hat das weitgehend dokumentiert. Die einstigen Wikinger, jene nordischen Krieger und Plünderer, geldgierig, wie man es manchen Hoteliers oder Restaurantbesitzern in den einstmals eroberten Ländern vielleicht noch immer nachsagen kann, haben mehr als nur die Normandie erobert. Sie gingen bis weit nach Russland, nach Spanien, Nordafrika, Italien, Byzanz, in den Nahen Osten, nach Deutschland, in das Baltikum, wahrscheinlich bis nach Amerika, sicherlich bis nach Grönland.

Sie adaptierten nicht nur die vorhandene Kultur - sofern eine vorhanden war -, sondern prägten das jeweilige Neuland mit ihrer eigenen Philosophie, einer Philosophie, die sie freilich nicht durchdachten, aber ganz instinktiv verbreiteten. Sie waren - wenn man einmal die europäische Geschichte etwas fokussiert betrachtet - die Erfinder des Tourismus: Greife die vorhandene Kultur auf, verfeinere sie mit großartigen Bauwerken und ein wenig Folklore, beides abgeguckt von den Einheimischen, biete eine verlockende Gastfreundlichkeit - und mache daraus soviel Geld wie eben möglich. Die eroberten Länder sprechen Bände in der Tourismusindustrie.

Die Normandie gleichwohl kann als der Ursprungsort gelten, wo sich die Wikinger-Normannen am nachhaltigsten erhalten konnten - das einzige Land, in dem das Erbe der Eroberer manifest ist.

Vielleicht findet man dieses Erbe, das Widerstand, Mut und nordische Verzweiflung am besten repräsentiert, mehr in den historischen Frauengestalten, die ja bekanntermaßen mehr noch als adaptionswillige Männer eine gewisse Tradition bewahren konnten:

Da ist Jeanne d'Arc, die in der Normandie ihre gloriose wie auch tödliche Erfüllung fand; Madame Bovary, eine literarische, wenngleich exemplarische Figur; die lieber starb, als sich den unliebsamen Verhältnissen anzupassen; die heilige Thérèse von Lisieux, die sich gegen den Papst durchsetze; die junge Charlotte Corday, die den Schlächter der französischen Revolution umbrachte; die vielfältig literarisch verbreitete Kameliendame, als Alphonse Plessy im Département Orne geboren, die sich nach Begegnung mit ihrer großen Liebe zurückzog, weil sie Tuberkulose hatte; Marie Harel, die den Camembert angeblich nach einem Rezept eines Mönches erfand, den Käse aber dann erfolgreich vermarktete und Mathilde, die erste Herzogin der Normandie und Gattin Wilhelm des Eroberers, die mehr als nur Ehefrau war, nämlich eine erfolgreiche Politikerin, ohne die ihr normannischer Göttergatte weder England erobert noch damit die europäische Geschichte verändert hätte.

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