Architektur und Bauwerke in der Normandie
Architektur und Bauwerke in der Normandie

Architektur und Bauwerke

Architektur und Bauwerke in der Normandie

Die Architektur der Normandie findet sich in vielen Bauten und Bauwerken in der Normandie, am deutlichsten bei religiösen Bauwerken wie Kathedralen und normannischem Fachwerk.

Die Kulturleistung der Normannen ist die Adaption und die eigenständige Weiterentwicklung dessen, was sie in ihren eroberten Ländern vorfanden. So nutzten sie für ihre Bauwerke die jeweils bewährten Baumaterialien, griffen jedwede vorhandene Struktur auf, sofern sie ihnen sinnvoll erschien, und entwickelten sie mit einem eigenen Stilempfinden weiter.

Wer immer auf den Spuren der Normannen reist - ob in Sizilien, in England oder in Frankreich -, wird die architektonischen Hinterlassenschaften jener mittelalterlichen Hochzeit des Eroberervolks sofort als normannisch erkennen, auch wenn je nach Land maurische, angelsächsische oder fränkische
Einflüsse sichtbar werden.

Wo immer die Normannen ein Land in Besitz nahmen, bauten sie zunächst eine Burg. Man findet sie zuhauf in der Normandie, wo die Auseinandersetzungen zwischen den französischen Königen und den Normannen den Bau militärischer Festungen nötig machte. Deren Architektur und Zweckmäßigkeit hatten sie den Burgen der Karolinger und Merowinger abgeschaut, die sie wiederum in der Grundstruktur von den römischen Kastellen kopiert hatten: ein Wachturm, umgeben von Graben und Wall.

Die Normannenherzöge entwickelten diesen Baustil weiter zu einem Wohnturm - in Frankreich heißt er Donjon -, in dem der jeweilige Landesherr mit seiner Gefolgschaft residierte und der dann von angrenzenden Wirtschaftsgebäuden und schließlich von massiven Ringmauern umgeben wurde. Die Burgen, deren Ruinen noch heute zu besichtigen sind, wurden in aller Formvollendung zumeist Ende des 12. Jh. errichtet und gehören sicherlich zu den
beachtlichsten jener Epoche, auch wenn man sich bei der Besichtigung eines solchen Bollwerks kaum vorstellen kann, dass der Wohnkomfort erstrebenswert war.

Höhepunkt des normannischen Burgenbaus ist das Château Gaillard, das in seiner Komplexität, Wehrhaftig- und Zweckmäßigkeit Vollendung und Niedergang gleichermaßen bedeutete. Je stabiler - und auch wohlhabender - die Verhältnisse, desto weniger notwendig wurden die Burgen als Wehr- und Wohntürme. Ab dem 15. Jh entwickelte sich die traditionelle Burganlage zur rein militärischen Festung, wie auf der Insel Tatihou und in St-Vaast im Cotentin zu sehen ist, beides Burgen, die Ende des 17. Jh. als Bollwerke gegen eine mögliche englische Invasion errichtet wurden.

Auch die Häuser des Kleinadels, die Manoirs, zeigen noch bis ins 18. Jh. häufig mittelalterliche Strukturen auf: ein Wohnhaus mit Turm, in späteren Epochen ein Treppenturm oder Ziertürmchen, ein von Wilhelm dem Eroberer festgelegtes Privileg der Lehensherren, sowie Wehranlagen, die allerdings weniger martialisch, sondern eine geschlossene Umfriedung des Herrenhauses mit Wirtschaftsgebäuden sind.

Ob ein solches Landhaus einem reichen Bauern oder einem Adligen gehörte, erkennt man am Taubenhaus, das zu errichten ein Vorrecht nur für herzogliche Lehensherren war und auf dessen Bau ebenso viel architektonische Sorgfalt gelegt wurde wie auf den der Herrenhäuser. Die Tauben wurden nicht einfach gehalten, weil sie so nette Tiere sind, sondern weil sie eine Bereicherung des Speiseplans darstellten. In Frankreich gehören Täubchen noch immer auf den Speisezettel etablierter Restaurants. Und in England, das die Normannen mit ihrer Kultur prägten, gehören Tauben bis heute zu den beliebtesten Haustieren der Arbeiterklasse.

Normannische Architektur wird jedoch hauptsächlich mit Fachwerkhäusern assoziiert. In diesem Fall wurde das vorhandene Material reichlich genutzt: Holz und Lehm. Die Wälder der Normandie boten reichlich Grundstoff, wobei für den Bau der Häuser hauptsächlich Eiche oder auch Ulme verwendet wurde. Doch nicht allein mangels anderer Baumaterialien wurde Fachwerk verwendet.

Schließlich fand sich in der Normandie auch reichlich Gestein, Granit im Cotentin oder besonders schöner Kalkstein in der Ebene von Caen, das sich ebenfalls zum Bauen eignete. Holz jedoch stand, wie man an den wunderschönen alten Häusern vor allem auf dem Land noch heute sehen kann, auch für weniger Betuchte zur Verfügung. Zudem war es fast beliebig formbar und recht robust. Bis ins 17. Jh. und bei den bescheideneren Herrenhäusern, den Manoirs, noch bis ins 18. Jh. war Fachwerk das bevorzugte Baumaterial.

Zwar wurden Stein und Ziegel ebenfalls verwendet, doch meistens nur als Unterbau oder zur Dekoration der Zwischenräume, Fachwerk besteht aus einem stabilen Balkenwerk, das je nach Zeit, Geschmack und Baumeister in den verschiedensten Formen angeordnet wurde. Die Zwischenräume wurden mit einem Lehm- und Strohgemisch oder mit Ziegeln, Glasuren und Natursteinsplittern aufgefüllt.

Die Balken waren zumindest in der Spätgotik nicht nur einfaches Holzwerk, sondern wurden mit kunstvollen Schnitzereien versehen. Die schönsten Beispiele für solche Konstruktionen findet man in Bayeux und in Rouen, dessen mittelalterlicher Stadtkern ganze Straßenzüge mit allerdings nach dem Krieg rekonstruierten Fachwerkhäusern aufweist. Die mittelalterlichen Städte und Dörfer in nahezu allen Regionen der Normandie bestanden zum großen Teil aus diesen fantasievollen Holzhäusern, bis sie durch die Bomben des Zweiten Weltkriegs zerstört wurden.

Obwohl Fachwerk ein normannisches Charakteristikum ist, gibt es in der ländlichen Architektur Unterschiede. So wird im Pays de Caux neben dem dort typischen roten Backstein auch schwarzer Feuerstein verwendet, um den Häusern Schmuck und Originalität zu verleihen. In der Normannischen Schweiz findet man die dort typischen Schieferdächer und gelegentlich auch -verkleidungen, was den Dörfern tatsächlich etwas Alpines verleiht.

In der Ebene um Caen und auch in den Küstendörfern des Calvados sind die Häuser aus dem fahl- bis goldgelben Kalkstein der Region - pierre de Caen - gebaut, den die Normannen bis nach England exportierten, um dort ihre ersten Herrschaftsbauten zu errichten. Und im Cotentin findet man jene wehrhaften und abweisenden Häuser aus grauem Sandstein oder Granit, die mit ihrer stabilen Konstruktion und den kleinen Fenstern den besten Schutz vor den heftigen Winterstürmen bieten.

Die Bäderarchitektur der Küstenorte in der Normandie, zumindest jene, die im 19. Jh. geplant angelegt wurden, bieten das eklektizistische Stilgemisch, das offenbar alle Badeorte Europas des 19. Jh. auszeichnet - je nach Fantasie des Bauherrn und der mangelnden Originalität des ausführenden Architekten. Den noch ist das typisch normannische Fachwerk auch dort vorhanden, wurde sogar der Romantik wegen gefördert. Beliebt waren Villen mit Fachwerkfassade, versehen mit italienisch- klassizistischen Elementen und normannischen Türmchen. Das Hotel de Normandy in Deauville dürfte das schönste Beispiel dafür sein.


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